Grundsatz 4 von 11
Symptome als hyperdominante Kompetenzen
Kompetenzhyperdominanz: Was als Symptom erscheint, kann sich im Einzelfall und Kontext auch als überaktive Kompetenz erweisen. Nicht jedes Symptom ist eine Fähigkeit – aber manche sind es, und dann verändert sich die therapeutische Frage.
Was als Symptom erscheint und „normalerweise“ beseitigt werden soll, kann sich bei näherem Hinsehen im Einzelfall und jeweiligen Kontext auch als Kompetenz erweisen, die im Status der Kompetenzhyperdominanz arbeitet. Die Wachsamkeit des ängstlichen Menschen als hochentwickelte Fähigkeit zur Gefahrenfrüherkennung. Das wiederholte Kontrollieren als ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Verantwortungsempfinden. Das Grübeln als eine gründliche Vorwegnahme möglicher Verläufe. Keine dieser Fähigkeiten muss grundsätzlich ein Problem sein. Symptome, zu Phänomenen erklärt, können Teil der Lösung werden.
Entscheidend ist das Wort „kann“. Dies ist keine Regel, die auf jedes Symptom passt, und kein Automatismus. Es gibt Leiden, das nichts anderes ist als Leiden, und Beschwerden, die schlicht abnehmen sollen. Die Lesart als überaktive Kompetenz ist deshalb kein Dogma, sondern eine Hypothese, die im Einzelfall geprüft wird – manchmal trägt sie, manchmal nicht. Sie ist ein zusätzlicher Blick, kein Ersatz für die klinische Beurteilung.
Wo die Hypothese trägt, verändert sie die therapeutische Frage. Nicht mehr „wie unterdrücken wir das?“, sondern „arbeitet hier eine Fähigkeit im Übermaß, und wohin gehört sie in angemessener Dosis?“. Eine Kompetenz lässt sich nicht sinnvoll bekämpfen, ohne den Menschen gegen einen Teil seiner selbst zu stellen; sie lässt sich aber umleiten, dosieren und an einen Ort setzen, an dem sie nützt statt kostet. Der Begriff der Kompetenzhyperdominanz benennt genau diesen Zustand: eine an sich brauchbare Fähigkeit, die den Kontext dominiert, in dem sie gerade nicht gebraucht wird.
Ob eine Kompetenz vorliegt, entscheidet der Kontext, nicht das Etikett. Dieselbe Wachsamkeit, die in der Nachtruhe zur Qual wird, ist in einer sicherheitskritischen Aufgabe genau richtig. Die Arbeit besteht darin, mit dem Patienten zu erkunden, ob und wo seine überaktive Fähigkeit einen Platz hat – und nicht darin, ihm vorschnell eine verborgene Stärke einzureden, die er nicht empfindet. Würdigung ohne Beschönigung ist die Linie, an der sich diese Haltung bewährt.
Viele Behandler arbeiten längst so – das System bildet es nur nicht ab. Der Katalog verzeichnet das Symptom als Defizit, das zu beheben ist. Dass dieselbe Erscheinung im Einzelfall eine überaktive Kompetenz sein kann, die einen Ort sucht, hat in der Defizitsprache keinen Namen.
Begründung
Praxisbeispiel
Controllerin, 47
Eine Controllerin, 47, leidet unter zwanghaftem Prüfen jeder Zahl, auch privat. Im Einzelfall gelesen als überaktive Kompetenz, zeigt sich darin eine außergewöhnliche Sorgfalt. Die Arbeit fragt dann nicht, wie das Prüfen aufhört, sondern wo diese Sorgfalt gebraucht wird und wo sie Feierabend haben darf. Wo die Lesart trägt, bleibt die Fähigkeit – der Ort ändert sich.