Grundsatz 9 von 11
Die Sprache der Sitzung ist die Sprache des Patienten
Nomenklaturfrei, alltagsnah. Die Begriffe des Patienten sind genauer für seine Lage als jede Klassifikation.
Die Sitzung spricht die Sprache des Patienten, nicht die der Klassifikation. Die diagnostische Nomenklatur ist ein Werkzeug für die Verständigung unter Fachleuten und für die Verwaltung. In der Arbeit mit dem Patienten ist sie oft ein Hindernis, weil sie seine Lage in Begriffe übersetzt, die nicht seine sind und in denen er sich nicht wiedererkennt.
Die alltagsnahe Sprache ist dabei nicht die ungenauere, sondern die genauere. Wenn ein Patient sagt, er fühle sich „wie unter einer Glasglocke“, beschreibt das seine Erfahrung präziser als jede Kategorie. Diese Bilder und Wendungen sind das Material, mit dem gearbeitet wird. Sie enthalten das Anliegen, die Ausnahmen und oft schon den Weg – wenn man ihnen zuhört, statt sie zu übersetzen.
Nomenklaturfrei zu arbeiten heißt auch, dem Patienten keine Etiketten zu verleihen, die er dann über sich trägt. Ein Mensch, der lernt, sich als „der Zwangskranke“ zu verstehen, hat ein Identitätsstück hinzugewonnen, das die Veränderung erschwert. Wer bei den Worten des Patienten bleibt, lässt ihm die Beweglichkeit, die er für Veränderung braucht.
Das bedeutet nicht, dass Sie auf Diagnostik verzichten. Es bedeutet, die diagnostische Arbeit und die Gesprächssprache zu trennen. Die Diagnose steht im Bericht; im Raum steht die Sprache, in der dieser Mensch von sich erzählt. Ihre Aufgabe ist, in seiner Sprache mitzudenken und die Begriffe zu verwenden, die für ihn Bedeutung tragen.
Viele Behandler arbeiten längst so – das System bildet es nur nicht ab. Die Formulare verlangen die Nomenklatur, und die Nomenklatur wandert leicht in die Sitzung. Die Sprache des Patienten, in der die eigentliche Arbeit geschieht, hinterlässt in den Akten keine Spur.
Begründung
Praxisbeispiel
Busfahrer, 58
Ein Busfahrer, 58, spricht nicht von Panikattacken, sondern davon, dass ihm „der Boden wegkippt“. Der Behandler bleibt bei diesem Bild und fragt, wann der Boden zuletzt fest war. Das Bild öffnet mehr als jede Kategorie: Es führt zu den Situationen, in denen Halt da ist, und macht sie zum Ausgangspunkt der Arbeit.