Grundsatz 8 von 11
Ressourcen vor Defiziten
Salutogenetische Grundhaltung. Die erste Frage gilt dem, was den Patienten trägt, nicht dem, was ihm fehlt.
Aaron Antonovsky hat mit der Salutogenese die Blickrichtung umgekehrt. Nicht die Frage, was einen Menschen krank macht, steht im Zentrum, sondern die Frage, was ihn gesund hält und trägt. Diese Umkehrung ist die Grundhaltung der nachfrageorientierten Arbeit: Die erste Frage gilt den Ressourcen, nicht den Defiziten.
Das ist keine Beschönigung. Defizite werden gesehen und benannt, wo sie den Patienten belasten. Aber sie sind nicht der Ausgangspunkt. Wer eine Behandlung mit der Bestandsaufnahme des Vorhandenen beginnt, mit den Beziehungen, die halten, den Fähigkeiten, die tragen, den Bewältigungen, die schon gelungen sind, arbeitet mit einem anderen Material als der, der mit der Mängelliste startet.
Die Ressourcenorientierung hat einen praktischen Grund, der über die Haltung hinausgeht: Veränderung baut auf Vorhandenem auf. Ein neues Verhalten entsteht selten aus dem Nichts, sondern meist als Übertragung einer Fähigkeit, die der Patient anderswo längst besitzt. Wer die Ruhe kennt, mit der ein Vater sein Kind beruhigt, kann diese Ruhe möglicherweise auch für sich selbst nutzen. Die Ressource ist der Rohstoff der Veränderung.
In der Sitzung heißt das, systematisch nach Ausnahmen und Gelingen zu fragen: Wann war das Problem kleiner? Was war da anders? Was tun Sie bereits, das hilft? Diese Fragen richten die gemeinsame Aufmerksamkeit auf das Tragende – und weil Aufmerksamkeit bahnt, verstärkt allein schon das Fragen nach Ressourcen deren Verfügbarkeit.
Viele Behandler arbeiten längst so – das System bildet es nur nicht ab. Der Katalog braucht ein Defizit, eine Diagnose, um überhaupt tätig zu werden. Die Ressourcen des Patienten, mit denen die eigentliche Arbeit geschieht, haben in der Defizitlogik keinen Platz.
Begründung
Praxisbeispiel
Erzieher, 36
Ein Erzieher, 36, beschreibt sich als vollständig überfordert. Die Ressourcenfrage bringt hervor, dass er in der Gruppe von zwanzig Kindern die Ruhe behält, die ihm privat fehlt. Diese vorhandene Fähigkeit wird zum Ausgangspunkt: Was tut er beruflich, das er privat nicht tut? Die Behandlung baut auf einem Können auf, das längst da ist.