Grundsatz 2 von 11

Jedes Ziel wird als Annäherungsziel formuliert

Das Gehirn kann keine Verneinung anstreben. Ein Ziel, das nur beschreibt, was verschwinden soll, gibt dem Nervensystem keine Richtung.

Ein Ziel gibt dem Nervensystem eine Richtung. Doch eine Verneinung ist keine Richtung. „Keine Angst mehr“ benennt einen Zustand durch seine Abwesenheit und lässt offen, was an seine Stelle treten soll. Das Gehirn kann ein Nicht nicht ansteuern; es kann nur zu etwas hin arbeiten. Ein Annäherungsziel benennt genau dieses Etwas.

Deshalb wird in der nachfrageorientierten Arbeit jedes Ziel als Annäherungsziel formuliert. Aus „die Panik soll weg“ wird die Frage, was der Patient tun würde, wenn er ruhig wäre – und die Antwort, etwa wieder allein mit der Bahn zu fahren, ist das eigentliche Ziel. Der belastende Zustand verschwindet nicht dadurch, dass man ihn zum Gegner erklärt, sondern dadurch, dass ein erreichbarer Zielzustand die Aufmerksamkeit und das Handeln bindet.

Ein Annäherungsziel ist an drei Merkmalen erkennbar: Es beschreibt ein Verhalten oder einen Zustand, den der Patient anstrebt, nicht meidet. Es ist in der ersten Person und in der Gegenwart vorstellbar. Und es ist beobachtbar – der Patient könnte sagen, woran ein Außenstehender die Zielerreichung erkennen würde. Fehlt eines dieser Merkmale, ist das Ziel noch nicht fertig übersetzt.

Die Formulierung ist keine sprachliche Kosmetik. Sie entscheidet, worauf die gemeinsame Arbeit über Wochen die Aufmerksamkeit lenkt – und Aufmerksamkeit bahnt. Ein als Vermeidung formuliertes Ziel hält den Patienten bei dem fest, was er loswerden will. Ein als Annäherung formuliertes Ziel richtet ihn auf das aus, was er aufbauen möchte.

Viele Behandler arbeiten längst so – das System bildet es nur nicht ab. Im Antrag steht die Störung, die behoben werden soll, also eine Elimination. Das erreichbare Annäherungsziel, mit dem in der Sitzung tatsächlich gearbeitet wird, taucht dort nicht auf.

Begründung

Quellenlinie: Klaus Grawe, Neuropsychotherapie (2004) – Annäherungsziele sind Vermeidungszielen in ihrer Wirkung überlegen; das Nervensystem folgt einem Wohin, nicht einem Weg-davon.

Praxisbeispiel

Lehrerin, 39

Eine Lehrerin, 39, formuliert ihr Ziel zunächst als „nicht mehr vor jeder Klasse zittern“. Übersetzt lautet es: Sie möchte eine Stunde beginnen können, während sie ruhig atmet und den ersten Blickkontakt hält. Dieser Zustand ist vorstellbar, beobachtbar und übbar – die Vermeidung des Zitterns ist es nicht.

Weiterführung

← Zurück zur Startseite