Grundsatz 5 von 11

Das Anliegen hinter dem Muster wird benannt

Sicherheit, Planbarkeit, Ruhe, Zugehörigkeit, Selbstachtung. Hinter jedem belastenden Muster steht ein legitimes Anliegen, das einen Weg sucht.

Hinter jedem belastenden Muster steht ein legitimes Anliegen. Das Muster ist der bisher gefundene Weg zu diesem Anliegen – oft ein teurer Weg, aber kein sinnloser. Wer das Anliegen benennt, versteht das Muster nicht länger als Defekt, sondern als Lösungsversuch, der aus dem Ruder gelaufen ist.

Die wiederkehrenden Anliegen lassen sich in wenigen Worten fassen: Sicherheit, Planbarkeit, Ruhe, Zugehörigkeit, Selbstachtung. Das kontrollierende Verhalten sucht Sicherheit. Das Grübeln sucht Planbarkeit. Der Rückzug sucht Ruhe. Das Anpassen sucht Zugehörigkeit. Der Perfektionismus sucht Selbstachtung. Sobald das Anliegen einen Namen hat, wird sichtbar, worum es dem Patienten eigentlich geht.

Diese Benennung öffnet den Bewegungsraum. Ein Symptom lässt sich nur bekämpfen; ein Anliegen lässt sich auf verschiedenen Wegen erreichen. Wenn feststeht, dass es um Sicherheit geht, ist das Kontrollieren nur einer von mehreren möglichen Wegen zu dieser Sicherheit – und die Therapie kann gemeinsam mit dem Patienten günstigere Wege suchen, ohne das Anliegen selbst infrage zu stellen.

Das Benennen ist zugleich ein Akt der Würdigung. Der Patient hört, dass sein Anliegen berechtigt ist und dass nicht er das Problem ist, sondern der Preis des bisherigen Weges. Diese Unterscheidung entlastet und macht kooperationsfähig. Kritik richtet sich nie gegen den Menschen und seinen Wunsch, sondern höchstens gegen die Kosten der bisherigen Lösung.

Viele Behandler arbeiten längst so – das System bildet es nur nicht ab. Das Anliegen hinter dem Muster steht in keinem Formular. Die Diagnose beschreibt das Muster; das Anliegen, das es antreibt, bleibt der Klärung in der Sitzung überlassen.

Begründung

Quellenlinie: Klaus Grawe, Neuropsychotherapie (2004) – die Konsistenztheorie beschreibt Grundbedürfnisse, deren Verletzung Symptome erzeugt; das Benennen des Anliegens macht das verletzte Bedürfnis bearbeitbar.

Praxisbeispiel

Pflegedienstleiter, 42

Ein Pflegedienstleiter, 42, kann keine Aufgabe abgeben und arbeitet sich in die Erschöpfung. Das benannte Anliegen ist Selbstachtung: Nur wer unentbehrlich ist, so seine bisherige Logik, ist etwas wert. Sobald das Anliegen ausgesprochen ist, lässt sich fragen, woran er seinen Wert sonst noch bemessen könnte – und das Abgeben wird denkbar.

Weiterführung

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