Grundsatz 1 von 11

Das Ziel kommt zuerst

Ausgangspunkt ist die Nachfrage des Patienten, nicht die Diagnose. Die Therapie beginnt mit dem, was dieser Mensch erreichen möchte.

Nachfrageorientierte Psychotherapie kehrt die übliche Reihenfolge um. Nicht die Diagnose steht am Anfang, sondern die Nachfrage des Patienten – das, was dieser Mensch mit seiner Lebenssituation erreichen möchte, in seinen eigenen Worten. Die Diagnose bleibt notwendig für Indikation und Kostenfrage. Als Startpunkt der therapeutischen Bewegung taugt sie nicht, weil sie ein Etikett vergibt, wo ein Ziel gebraucht wird.

Der Unterschied ist praktisch, nicht akademisch. Wer mit der Diagnose beginnt, ordnet den Menschen einer Kategorie zu und leitet aus der Kategorie ein Vorgehen ab. Wer mit dem Ziel beginnt, richtet die Arbeit auf einen Zustand aus, den der Patient tatsächlich trägt. Zwei Menschen mit derselben Diagnose wollen oft grundverschiedene Dinge – der eine wieder arbeiten können, der andere wieder schlafen, der dritte eine Beziehung halten. Die Kategorie sieht das nicht. Das Ziel schon.

Sie fragen deshalb zuerst: Woran würden Sie merken, dass sich Ihre Lage gebessert hat? Was täten Sie dann, das Sie heute nicht tun? Diese Fragen setzen den Patienten in die Rolle dessen, der das Ziel bestimmt, und den Behandler in die Rolle dessen, der es in eine erreichbare Form übersetzt. Der Patient ist Experte für sein Anliegen, der Behandler ist Experte für den Weg.

Das Ziel zuerst zu nehmen heißt nicht, die Diagnostik zu übergehen. Es heißt, ihr die richtige Stelle zuzuweisen. Die Diagnose beschreibt, womit Sie es zu tun haben; das Ziel bestimmt, wohin Sie mit dem Patienten gehen. Beides wird gebraucht, aber die Reihenfolge entscheidet über die Richtung der gesamten Behandlung.

Viele Behandler arbeiten längst so – das System bildet es nur nicht ab. Das Antragswesen verlangt die Diagnose zuerst und macht sie damit zum sichtbaren Anfang. Der eigentliche Anfang, die Nachfrage des Patienten, bleibt in den Formularen unsichtbar, auch wenn er in der Sitzung längst geschieht.

Begründung

Quellenlinie: Klaus Grawe, Neuropsychotherapie (2004) – die Ausrichtung auf explizite, patientengetragene Ziele erhöht die Wirksamkeit gegenüber rein diagnosegeleitetem Vorgehen.

Praxisbeispiel

Projektleiter, 44

Ein Projektleiter, 44, kommt mit der Diagnose einer depressiven Episode. Die Kategorie legt ein Standardvorgehen nahe. Auf die Frage, woran er eine Besserung merken würde, sagt er: Er würde am Sonntagabend nicht mehr mit Angst vor der Woche einschlafen. Damit steht ein konkretes, erreichbares Ziel im Raum, an dem sich die Arbeit ausrichten und Woche für Woche überprüfen lässt.

Weiterführung

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